Nationalität in Nichimandoku

nichimandoku-headerIn der Vorweihnachtszeit eine Mail von Jennifer – Fragen zu Nichimandoku, die sich bei der Arbeit für ihre Bachelorarbeit in Japanologie ergeben haben:

1) Welche Intention verfolgten Sie, als Sie Ihre Zeichnerkollegin Christina Plaka bei Nichimandoku als „Germangaka“, also „deutsche Mangazeichnerin“, betitelten?chris2

2) Weshalb bedarf es bei einer Zeichen-/Kunstform, die im Wesentlichen ein „Comic“ ist, der Unterscheidung zwischen den verschiedenen Nationalitäten des Autors (in diesem Fall der deutschen Nationalität)?

3) Ist Manga nicht gleich Manga? Was sollte außer dem Genre noch unterschieden werden?

Die Antworten im folgenden Text, der unseren Umgang mit der Nationalität der drei beteiligten Comic-/Mangazeichner_innen im Nichimandoku-Projekt noch einmal ausführlich beschreibt:

Liebe Jennifer,

bevor die Nichimandoku-Anfrage im Weihnachtssog untergeht, hier schnell ein paar Gedanken zu den Fragen.

Seinen Anfang hatte das Nichimandoku-Projekt 2011 als Auftragsarbeit des Goethe-Instituts anlässlich des 150-jährigen Bestehens diplomatischer Beziehungen zwischen „Deutschland“ und „Japan“ (bzw. Preußen und dem Shōgunat). Das aus dem 19. Jahrhundert stammende und von der Politik bis in die Gegenwart übernommene, fiktive Konstrukt von ethnisch homogenen Nationalstaaten war also wohl oder übel Material, mit dem diese Arbeit umzugehen hatte.
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Mein Ansatz mit Nichimandoku könnte als parodistische Wiederholung der damaligen Kontaktaufnahme verstanden werden; und dem Versuch, es diesmal besser zu machen: Es gab keinerlei Emailkontakt zwischen mir und Matsuoka Waka im Vorfeld des Projektes, 100% unseres Austauschs fand auf den Comicseiten statt - ohne Vorbereitung, ohne (kolonialistische) Hintergedanken, auf Augenhöhe.

Statt auf festem, von Nationalstaaten beanspruchtem Boden wurde unser Zusammentreffen allerdings im Internet veröffentlicht, einem Nicht-Ort, dessen Informations- und Handelsströme Nationalgrenzen ignorieren und in dem sich die Kulturen unablässig durchmischen.

Auch stilistisch haben ich mich an einer zunehmenden Durchmischung versucht, und zu meiner Freude hat es mir Matsuoka-san bald gleichgetan: Wir haben Panelformen voneinander übernommen und characters des anderen verwendet, ich habe immer exzessiver versucht, sie im Einsatz von Screentones zu übertreffen.f12974708_dirk

Insgesamt galt es, die exotistischen Klischees eines Dialogs zwischen dem „feinen, emotionalen, femininen“ Japan und dem „maskulinen, dominanten, zerebralen“ Deutschland parodistisch zu wiederholen und in der Wiederholung unmissverständlich zu hinterfragen - Mädchenmangazeichnerin trifft preußischen „langen Kerl“ inklusive Facepalm.

Christina kam in diesem Gefüge eine zentrale Rolle zu: als Dritte im Bunde sollte sie die Dichotomie aufbrechen und die Frage, welchem der beiden monolithischen Kulturblöcke sie als griechisch-stämmige, in Deutschland sozialisierte und in Japan lebende Mangazeichnerin denn nun ‚angehöre‘, ad absurdum führen.

Mit ihrer Verwendung mangaesker Zeichencodes bei gleichzeitigem Verzicht auf jede Form von Screentones unterstrich auch Christinas Stil in Nichimandoku dieses Sowohl-als-auch-und-weder-noch.

f12972852_chrisIn diesem Sinne habe ich sie in der sechsten Folge von Nichimandoku eingeführt und als „Germangaka“ bezeichnet. Für die allermeisten Leser ist es sicher nicht erheblich, ob jemand „Manga“, „Germanga“ oder etwa „OEL Manga“ zeichnet (für Soziologen und Medienwissenschaftler dagegen umso mehr). für Nichimandoku war dieses Wort und das damit einhergehende, von Christina personifizierte Konzept mit seiner Doppelbewegung, nationale Grenzen gleichzeitig zu formieren und zu verwischen, ein entscheidendes Werkzeug in unserem Diskurs über Nationalstaatlichkeit. Über Matsuoka-sans und meine inhaltlichen und formalen japanisch-deutschen Auflösungsversuche hinaus war Christina die notwendige dritte Partnerin im Dialog, die von ihrem Hintergrund wie ihrem Zeichenstil keinem der beiden Blöcke zuzuordnen war.

In seinem Buch „Die Sprache des Comics“ beschreibt Ole Frahm das anti-identitäre Potenzial der Comics, das er an der nicht auflösbaren Spannung der semiotischen Heterogenität von Bild bzw. Text und der dem Comic inhärenten Ästhetik der Wiederholung und Unabgeschlossenheit festmacht. Mein Versuch mit Nichimandoku war es, dieses Potenzial reflektiert zu nutzen und das Projekt im opaken Raum zwischen den Panels, den Kulturblöcken, zwischen „nichi“ und „doku“, „Germanischem“ und „Mangatypischem“ anzusiedeln: Imagine there’s no countries. no_countries

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