Mahlermuseum Suhrkamp

mahler_pstIm Dezember eröffnet Nicolas Mahler seine Ausstellung „Crossing Borders: Mahler’s Manga Park“ im Kyotoer Manga Museum.

Ein spannender Culture Clash steht bevor, wenn „Flaschko, der Mann in der Heizdecke“ vom japanischen Publikum als lupenreiner Hikikomori erkannt werden wird.

Als Angebot an die Ausstellungsbesucher wurden diverse Comiczeichner_innen und -theoretiker_innen gebeten, ihre Meinung zu Mahlers Version der „Alten Meister“ zu Papier zu bringen, darunter auch ich.

Mahler ist großartig – dafür braucht es genau drei der vorgegebenen 300 Worte. Statt eines detailversesseneren Lobliedes habe ich mich in meinem kurzen Text mehr mit dem Kontext beschäftigt, in dem Mahlers Adaption von Bernhards Roman 2012 bei Suhrkamp erschienen ist.

Hier der Artikel:

imrc 2014Als 2012 Mahlers Adaption der „Alten Meister“ als erster Comic des traditionellen Suhrkamp-Verlages angekündigt wurde, war ich sehr gespannt. Immer wieder hatte Mahler in seinen Comicbänden mit beißendem Humor die Absurditäten verhandelt, die sich aus der typisch deutschen Unterscheidung von „Hochkunst“ und vermeintlich „trivialer“ Kunst wie seinen Comics ergeben: auf Ämtern, auf Buchmessen, auf Literaturfestivals.

Nun war er also selbst in der Höhle des Löwen gelandet, Suhrkamp – Hort so vieler deutschsprachiger Alter Meister und damals die letzte Trutzburg des „High“, der letzte große Verlag ohne Comic im Programm.
imrc 2014Ein geschickter Schachzug von Suhrkamp, ausgerechnet mit „Alte Meister“ zu beginnen, in denen die Hauptfigur Reger unentwegt gegen die Macht der Tradition anpoltert und die musealisierte, gerahmte Hochkunst verspottet. Wo Bernhards „Alte Meister“ den tradierten Kunstkanon hinterfragten, sollten Mahlers „Alte Meister“ dasselbe mit dem Medienkanon und dem vermeintlichen Gefälle zwischen Literatur und Comic vollbringen.

Die Veröffentlichung war ein Ereignis, Mahlers Adaption eines der meistbesprochensten Bücher der Verlagsgeschichte: „Bernhard als Comic – kann man das? Darf man das?” Mahler durfte, denn er hatte ein wahres Feuerwerk an visuellen Einfällen abgeliefert. Ein Genuss zu lesen, wie er die Elemente Bild, Text, Rahmen klug, poetisch, witzig durchdekliniert.

Bernhard wird er dabei letzlich nur bedingt gerecht. Irgendwie verhindern die in sich abgeschlossenen, seitengroßen Tableaus mit ihrer enzyklopädisch anmutenden Vielfalt an Darstellungsideen den typisch Bernhardschen Sog, der nur in der Geschwindigkeit entstehen kann. Mahlers elegante Rhythmuswechsel stören Bernhards manische Monotonie, und der gekürzte, neu verfugte Text opfert die Fuge, die Musikalität der vielen immer gleichen Phrasen. Auch Bernhards politische Schärfe geht in der eher gängigen, biografischen Lesart mit comicreflexiven Verweisen (Fragment, Karikatur) verloren.
imrc 2014Womöglich aber zielt diese Kritik ins Leere. Vielleicht war es nie Mahlers Anliegen, mit den Mitteln des Comics Bernhard werkgetreu zu illustrieren, sondern vielmehr mit den Mitteln von Bernhards Stoff und dessen grantelnder Umwertung von Meisterschaft die Potenz der Comics zu illustrieren. „High“ als Steigbügelhalter des „Low“, um einem nicht comicaffinen Publikum den Blick für eine Neubewertung des Mediums zu weiten.

Diese Mission wäre erfüllt: „Alte Meister“ wurde ein Bestseller und Kritikerliebling, was Suhrkamp ermutigte, viele weitere Comics zu veröffentlichen – wenn auch bisher ausschließlich in den sicheren, goldgelb getuschten Rahmen ihres umfangreichen Backlistmuseums: lauter Adaptionen Alter Meister.

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